Kapitel 7: Geyer-Pharma-München

Rebekka blinzelte in das Sonnenlicht, das geradewegs durch die großen Fenster ihres Münchner Penthouses ins Schlafzimmer flutete. Als sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, drehte sie sich auf den Rücken und blickte an die Decke. Sie brauchte einen Moment, um festzustellen, wo sie eigentlich war, und vor allen Dingen, wann! Sie drehte ihren Kopf zu einem modernen Designwecker aus Edelstahl, der außer zweckfreiem Aussehen auch noch die Uhrzeit anzeigen konnte. Gleich zehn Uhr! Sie musste dringend ins Büro um ihre Sachen zusammenzusuchen, nur Geyer wollte sie ungern über den Weg laufen. Die Gedanken kreisten in ihrem Kopf, als sie plötzlich das Gefühl hatte, nicht allein im Raum zu sein! Sie versuchte ganz flach zu atmen in der Hoffnung, dass man sie nicht bemerken würde, aber sie war viel zu angespannt. Auf alles gefasst drehte sie sich ruckartig herum, doch da war niemand. Ihre Augen suchten den Raum ab und kehrten zum Bett zurück. Der Boden war mit gebrauchten Kleidungsstücken übersät. Die zweite Garnitur Kissen und Decke auf dem Bett, die ursprünglich für ihren ehemaligen Freund gewesen war, hatte sie für alle Eventualitäten nicht weggeräumt. Bisher waren sie unbenutzt gewesen, doch jetzt sah es aus, als hätte sie jemand durcheinandergebracht. Kissen und Decke waren nicht auffällig durchwühlt, nur dezent faltig, als hätte sich jemand kurz daraufgesetzt. Rebekka fröstelte bei dem Gedanken.
     Flink sprang sie aus dem Bett, sah sich noch einmal unsicher um und verschwand unter der Dusche im Badezimmer. Das warme Wasser spülte ihr für einen Moment alle Sorgen und Anspannungen vom Körper. Eigentlich duschte sie schon viel zu lange, aber sie genoss das entspannende Prasseln auf ihrer Haut wie einen warmen Sommerregen. Als sie kurz die Augen öffnete, sah sie, dass sich die Badezimmertür bewegte! Sie hatte sie nur angelehnt gehabt, aber eben hatte sie sich deutlich weiter geöffnet. Wenn sie mit beiden Beinen auf dem Boden stand, geriet sie normalerweise nicht in Panik, aber jetzt war sie kurz davor. Konnte es ein Luftzug gewesen sein? So schnell wie noch nie hüpfte sie aus der Dusche zurück ins Schlafzimmer und traute ihren Augen nicht, als sich plötzlich ihr Rock auf dem Boden bewegte. »Das gibt’s doch nicht!«, sagte sie möglichst laut, auch um sich selbst etwas Mut zu machen. Sie rannte zurück in den Flur, verschwand kurz im Abstellraum und kehrte mit einem Schrubber bewaffnet zurück ins Schlafzimmer. Vorsichtig stieß sie gegen den Rock, aber der bewegte sich nicht mehr. Schließlich hob sie ihn hoch – nichts! Sie musste sich schnellstens anziehen. Wenn hier jemand oder etwas war, wollte sie ihm auf keinen Fall nackt gegenübertreten. Kaum hatte sie ihren kurzen schwarzen Rock hochgezogen, hörte sie ein Geräusch aus der Küche!
Die Küchentür stand weit offen. Angespannt und kampfbereit mit dem Schrubber machte Rebekka den ersten Schritt hinein. Jetzt hatte sie die Gewissheit: Sie war nicht allein! Auf dem kleinen Esstisch war ein bescheidenes, aber liebevoll dekoriertes Frühstück arrangiert. »Wer ist da!«
     »Oh, du hast ja auch Erdbeeren! Darf ich eine haben?«
      Mit einem Schrei wirbelte Rebekka herum und starrte in den offenen Kühlschrank.
     »Leider konnte ich außer Toast, Orangenmarmelade und Erdnussbutter nichts Vernünftiges im Kühlschrank finden! Darf ich jetzt eine von diesen wunderschönen Erdbeeren haben?« Benny saß auf einer der Glasplatten des Kühlschranks und betrachtete voller Bewunderung eine kleine Schale mit Erdbeeren. »Einen wunderschönen guten Morgen!«, säuselte er und sah grinsend zu Rebekka.
     Ihre Anspannung wich einer wohltuenden Erleichterung. »Benny! Wie kommst du denn hierher?«
     »Für ein Hörnchen gibt es immer einen Weg. Und in diesem Fall war es als blinder Passagier zwischen deinem Gepäck der einfachste. Erdbeere?«
     »Äh, ja klar! Aber was willst du damit, du kannst sie doch nicht essen?«
     »Aber betrachten. Ich habe noch nie echte gesehen, nur in meiner Datenbank.« Er nahm sich vorsichtig mit beiden Pfötchen eine Erdbeere aus der Schale, betrachtete sie ehrfürchtig und schnupperte daran. »Mmh, ein toller Geruch!«
     »Du legst jetzt nicht unbedingt ein typisches Roboterverhalten an den Tag.«
     »Ich weiß auch nicht, aber diese Erdbeeren sind einfach unwiderstehlich!«
     »Ich meinte nicht nur die Erdbeeren.«
     »Ja, das ist seltsam. Seitdem du im Arbeitszimmer aufgetaucht bist, habe ich das Gefühl, so ganz langsam wach zu werden. Alles davor habe ich nur geträumt.«
Rebekka zog verwundert die Augenbrauen hoch. »Wach? Geträumt? Aha!« Sie stellte den Schrubber ab, nahm das Eichhörnchen in ihre Hände und streichelte es, als wäre es lebendig. »Ich bin so froh, dich wieder zu sehen!«
     »Das ist aber schön. Und warum?« Benny hielt die Erdbeere noch immer fest in beiden Pfötchen.
     »Ich glaube, du bist der Einzige, der mir momentan weiterhelfen kann. Und außerdem fühle ich mich ziemlich einsam. Ich habe das Gefühl, du bist so etwas wie ein Freund.«
     Benny klapperte mehrmals verlegen mit den Augenlidern. Rebekka glaubte sogar ein Erstaunen in seiner Mimik erkennen zu können. »Ohhhh, aber ich bin doch ein Roboter-Hörnchen.«
     »Für mich bist du ein sehr lebendiges Eichhörnchen, auch wenn ich weiß, dass in dir ein Haufen Elektronik schlummert. Wenn ich mit dir spreche, rede ich dann eigentlich direkt mit Jan? Oder bekommt er unsere Gespräche mit?«
     »Nein, weder noch. Ich habe ein eigenständig arbeitendes Programm. Es wird zwar alles aufgezeichnet, was ich sehe und höre, aber es tut sich niemand an, seine Lebenszeit mit der Sichtung der Daten zu verschwenden. Mein komplexes System läuft auf einem externen Computer vollkommen autonom und lernt ständig dazu. Es ist ein spielerisches Nebenprodukt von Jans Forschungen zur Künstlichen Intelligenz
     Auch wenn Rebekka natürlich gerne Kontakt zu jemandem gehabt hätte, der in dieser Situation wusste, worum es eigentlich ging und was zu tun war, so war sie momentan froh, dass dieses künstliche Eichhörnchen eine Art Eigenleben hatte und sie nicht von jemandem beobachtet wurde, den sie nicht sehen konnte. Eigentlich kam ihr eine private Unterhaltung mit einer Maschine unsinnig vor, aber Bennys menschliches Verhalten und sein niedliches Aussehen ließen die Illusion mit einem Lebewesen zu reden als handfeste Realität erscheinen.
     »Also, nach diesem morgendlichen Stress habe ich erst mal Hunger. Isst du mit?«
     »Nein, aber ich leiste dir gerne Gesellschaft! Und ich schaue mir auch gerne noch eine Weile die Erdbeere an.«
Rebekka setzte Benny auf den Küchentisch und strich die frische Butter auf den abgekühlten Toast. »Wie hast du eigentlich den Kühlschrank aufbekommen?«
     »Am Boden aufdrücken und dann hochklettern, ist gar nicht so schwer. Aber jedes Mal nur ein Teil herunterbalancieren ist ganz schön anstrengend. Wenn du mal irgendwo einen Rucksack für Eichhörnchen siehst, bring ihn doch bitte mit!« Rebekka lachte und öffnete das Glas mit der Orangenmarmelade.
     »Hast du das da eigentlich schon mal benutzt?«, fragte Benny und deutete auf den Schrubber.
     »Gegen Einbrecher?«
     »Nein, zum Putzen!«
     Rebekka schüttelte den Kopf. »Nein, dafür kommt hier immer mal wieder eine Putzhilfe vorbei.«
     »Putzhilfe klingt toll! Vor lauter Hilfe kein Putzen.«
     Irritiert biss Rebekka ein Stück vom Toast ab und kaute es hinunter. »Wie meinst du das?«
     »Mh, na wie es hier so aussieht.«
     »Ja, ziemlich chaotisch, ich weiß. Aber es ist sauber! Ich bin unordentlich und schlampig, aber ich ersticke nicht im Dreck!«
     »Stimmt, dafür hast du ja jemanden, der dir beim vielen Putzen hilft.«
     »Benny, du bist frech! Also gut, sie hilft mir nicht beim Putzen, sondern macht alles komplett allein.«
     »Gehören die Weingläser auch zu ihrem Putzbereich?«
     »Die Weingläser?«
     »Im Wohnzimmerschrank.«
     »Äh, nein! Hast du etwa überprüft, ob die sauber sind?«
     Benny grinste mit einer Spur Verlegenheit und nickte hastig. »Die sind ganz schön staubig.«
     »Dann hättest du sie ja auch gleich putzen können!« Rebekka verschränkte verärgert die Arme.
     »Ich dachte, für einen trockenen Wein sind staubige Gläser bestimmt passend.«
     Rebekka sah das kleine Eichhörnchen mit offenem Mund an. Machte er sich da gerade lustig über sie? Ein Roboter? Benny wartete mit einem dezenten Grinsen auf ihre Reaktion, als sie aber nur mühsam ihren Mund zubekam, schluckte und den Kopf schüttelte, kicherte Benny plötzlich wie ein Lachsack los.
     »Du machst Scherze?«
     Benny nickte erst grinsend, doch dann fiel sein Blick auf den Boden vor dem Kühlschrank. Verlegen schaute er sofort in eine andere Richtung, was Rebekka nicht entgangen war.
     »Was ist?«
     »Nichts!«
     »Ich habe zwar keine Kinder, aber dieses scheinheilige Nichts kenne ich von den Kindern einer Freundin!« Dann sah sie weiße Flecken auf dem Boden vor dem Kühlschrank. Und dann noch einen und noch einen. Eine Spur zog sich bis zur Spüle. »Benny! Warst du das?«
     Benny schüttelte erst zweimal den Kopf, blickte dann beschämt auf die weiße Spur und nickte. »Der Sahnebecher war etwas zu groß für meine Pfötchen!«
     »Was hast du denn mit der Sahne gemacht?«
     »Weggeschüttet, war sauer! Da du keine Milch hast, dachte ich vielleicht für deinen Kaffee …?«
     »Aber die habe ich doch erst vor einer Woche gekauft! Und zu war sie auch noch. Na ja, vielleicht lag’s am Gewitter am Tag, bevor ich nach Winsen gefahren war.«
     »Könnte sein!« Benny strahlte schon wieder. Sein Patzer war nicht mehr Thema. »Das liegt an den Dunkelblitzen!«
     »Dunkelblitze? Was soll das sein?«
     »Na Blitze, die man nicht sieht! Sie kommen parallel mit den sichtbaren.« Rebekka wollte einen Schluck aus der Kaffeetasse nehmen, als sie sah, dass es noch gar keinen Kaffee gab. »Oh, deine Kaffeemaschine war mir zu schwierig, bevor noch etwas anderes herunterfällt!«
     »Schon in Ordnung, ist sicher besser so. Das mit den Dunkelblitzen klingt ganz schön mystisch! Nimmst du mich auch nicht auf den Arm?« Sie stand auf, ging zur Kaffeemaschine und füllte den Tank mit frischem Wasser.
     »Nein, nein, die gibt es wirklich. Es sind starke elektromagnetische Felder, die das Wachstum der Bakterien enorm beschleunigen. Deswegen wird Milch und Sahne bei Gewitter schneller schlecht.«
     »Ich dachte, das liegt am Luftdruck!?«
     Benny schüttelte den Kopf. »Nein! Du kannst ja vor dem nächsten Gewitter den Sahnebecher abschirmen.«
     »Abschirmen? Wie?«
     »Mit Alufolie!«
     »Mit Alufolie? Aber der Kühlschrank ist doch schon aus Metall!«
     »Reicht wohl nicht. An die Alufolie müsstest du dann allerdings noch ein Erdungskabel anschließen.«
     »Und durch die Kühlschranktür nach außen führen«
     »Nein, innen an die Beleuchtung anschließen.«
     »Und wenn ich für die nächste Party fünf Sahnebecher im Kühlschrank habe, gibt’s Kabelsalat!«
     »Dann sparst du dir den Kartoffelsalat, hihihi.«
     »Benny, du spinnst!«

 

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